Das Experiment, das dir zeigt, wie schnell du geführt wirst.
Edward Bernays machte Einfluss zur Technik und gab ihr harmlose Namen. Dieses Video zeigt, wie Symbole, Drittinstanzen und Krisenrahmen Zustimmung erzeugen, ohne wie Druck zu wirken.
SYSTEMANALYSE
12/28/202513 min read
Edward Bernays und die Architektur der Zustimmung
Wie moderne Meinungsmanipulation geboren wurde
Edward Bernays gilt nicht ohne Grund als der Architekt der modernen Public Relations – und zugleich als einer der einflussreichsten, aber problematischsten Kommunikationsstrategen des 20. Jahrhunderts. Er selbst verstand sich nicht als Manipulator, sondern als Ingenieur der Zustimmung (engineering consent). Doch genau darin liegt die Brisanz seines Wirkens: Bernays professionalisierte die gezielte Lenkung öffentlicher Meinung, indem er psychologische Einsichten systematisch in politische, wirtschaftliche und kulturelle Kampagnen übersetzte.
1. Die theoretische Grundlage: Menschen sind nicht rational
Bernays’ Denken fußte maßgeblich auf der Psychoanalyse – nicht zuletzt deshalb, weil sein Onkel niemand Geringerer als Sigmund Freud war. Während klassische Aufklärungsideale davon ausgingen, dass Menschen durch Information zu vernünftigen Entscheidungen gelangen, hielt Bernays diese Annahme für naiv.
Sein zentrales Postulat lautete:
Die Masse handelt emotional, impulsiv und unbewusst – und muss daher geführt werden.
Bernays argumentierte:
„Wenn wir den Mechanismus und die Motive des Gruppendenkens verstehen, wird es möglich sein, die Massen, ohne deren Wissen, nach unserem Willen zu kontrollieren und zu steuern.“
In seinem 1928 erschienenen Buch Propaganda formulierte er dies unverblümt: Eine kleine, informierte Elite steuere die unbewussten Mechanismen der Gesellschaft. Demokratie, so Bernays, funktioniere nur, wenn diese Steuerung professionell organisiert sei. Diese Haltung markiert einen fundamentalen Bruch mit demokratischen Idealen von Mündigkeit und Transparenz.
Der erste Kapitel „Organising Chaos“ des Buches Propaganda beginnt mit folgenden Worten:
„Die bewusste und intelligente Manipulation der organisierten Gewohnheiten und Meinungen der Massen ist ein wichtiges Element der demokratischen Gesellschaft. Diejenigen, die diesen unsichtbaren Mechanismus der Gesellschaft manipulieren, bilden eine unsichtbare Regierung, die die wahre herrschende Macht unseres Landes ist.
Wir werden regiert, unser Geist wird geformt, unser Geschmack geformt, unsere Ideen vorgeschlagen, größtenteils von Menschen, von denen wir noch nie gehört haben. Dies ist ein logisches Ergebnis der Art und Weise, wie unsere demokratische Gesellschaft organisiert ist. Sehr viele Menschen müssen auf diese Weise zusammenarbeiten, um als reibungslos funktionierende Gesellschaft zusammenleben zu können.
Unsere unsichtbaren Gouverneure sind sich in vielen Fällen der Identität ihrer Kollegen im Innenkabinett nicht bewusst.
Sie regieren uns durch ihre natürlichen Führungsqualitäten, ihre Fähigkeit, die benötigten Ideen zu liefern, und durch ihre Schlüsselposition in der sozialen Struktur. Unabhängig von der Haltung, die man gegenüber diesem Zustand einnimmt, bleibt es eine Tatsache, dass wir in fast jedem Akt unseres täglichen Lebens, sei es im Bereich der Politik oder der Wirtschaft, in unserem sozialen Verhalten oder in unserem ethischen Denken, von der relativ kleinen Zahl dominiert werden von Personen – ein kleiner Teil unserer hundertzwanzig Millionen –, die die mentalen Prozesse und sozialen Muster der Massen verstehen. Sie ziehen an den Drähten, die das öffentliche Bewusstsein kontrollieren, nutzen alte soziale Kräfte und erfinden neue Wege, um die Welt zu binden und zu führen.“[
2. Vom Produkt zur Bedeutung: Symbolische Manipulation
Bernays revolutionierte Kommunikation, indem er Produkte, Ideen und politische Anliegen nicht mehr über Fakten, sondern über emotionale Bedeutungsaufladung verkaufte. Sein Ansatz war nicht: Was ist das Produkt?
Sondern: Wofür steht es im Unterbewusstsein?
Ein klassisches Beispiel ist die berühmte „Fakeln der Freiheit“ (Torches of Freedom)-Kampagne:
Als die American Tobacco Company Edward Bernays damit beauftragte, den Verkauf ihrer Marke Lucky Strike anzukurbeln, suchte er nach einer psychologischen Erklärung für die gesellschaftlichen Vorbehalte gegenüber rauchenden Frauen. Zu diesem Zweck konsultierte er Abraham Brill, einen prominenten Vertreter der psychoanalytischen Schule Freuds in New York.
Brill deutete die Zigarette als symbolisch aufgeladenes Objekt, das im unbewussten Erleben mit männlicher Macht assoziiert sei, und verwies auf psychoanalytische Konzepte wie den sogenannten Penisneid als mögliche Erklärung weiblicher Ambivalenz gegenüber dem Rauchen. Unabhängig von dieser Deutung war öffentliches Rauchen durch Frauen zu dieser Zeit sozial weitgehend tabuisiert.
Bernays’ Strategie bestand darin, diese Norm gezielt zu unterlaufen und das Rauchen für Frauen gesellschaftlich akzeptabel erscheinen zu lassen. Er versuchte, kulturelle Codes zu verschieben, indem er unter anderem Einfluss auf die Modebranche nahm und den charakteristischen Grünton der Lucky-Strike-Verpackung als trendige Saisonfarbe positionierte.
Besondere Aufmerksamkeit erlangte eine inszenierte Aktion während der New Yorker Osterparade im Jahr 1929. Bernays ließ eine Gruppe von Frauen – öffentlichkeitswirksam als Suffragetten inszeniert – entlang der Fifth Avenue auftreten. In dem Moment, in dem Pressefotografen anwesend waren, zündeten die Frauen demonstrativ Zigaretten an und erklärten diese zu „Fackeln der Freiheit“. Ziel war es, das Rauchen symbolisch mit weiblicher Selbstbestimmung und Emanzipation zu verknüpfen und bestehende Widerstände zu unterlaufen.
Bernays verknüpfte individuelle Sehnsüchte mit wirtschaftlichen Interessen – ein Prinzip, das bis heute Herzstück von Werbung und politischem Framing ist.
Fluoridierung des Trinkwassers
Edward Bernays war maßgeblich an Kommunikationskampagnen beteiligt, mit denen Unternehmen wie die Aluminum Company of America (Alcoa) sowie angeschlossene Interessenverbände die Fluoridierung des Trinkwassers in den Vereinigten Staaten durchsetzten und gesellschaftlich etablierten. Ziel war es, diese Praxis dauerhaft als unbedenklich und gesundheitsfördernd zu verankern.
Kern der Strategie war eine koordinierte Medienarbeit über zahnärztliche Fachorganisationen. Empfehlungen aus dem Umfeld der Zahnmedizin wurden gezielt als wissenschaftlich-medizinische Autorität präsentiert, wodurch die Fluoridierung in der öffentlichen Wahrnehmung den Charakter eines fachlichen Konsenses erhielt. Auf diese Weise wurde eine Maßnahme, die auch industriepolitische Interessen berührte, erfolgreich als gesundheitspolitische Selbstverständlichkeit kommuniziert.
Kriegspropaganda
Bernays arbeitete für Regierungen und Militärs. Er unterstützte die amerikanische Regierung unter Wilson im Ersten Weltkrieg im Committee on Public Information (CPI) bei ihrem Bemühen, Zustimmung der Öffentlichkeit für einen Kriegseintritt der USA zu erzielen. Seine Kampagne im Kriegsjahr 1917 stellte er unter den Slogan: „Make the world safe for democracy“ uns seine Aufgabe war:
· Zustimmung der Bevölkerung zum Krieg zu erzeugen
· patriotische Narrative zu verbreiten
· emotionale Mobilisierung statt nüchterner Information
Der Putsch in Guatemala
Im Jahr 1944 beauftragte Sam Zemurray, damaliger Leiter der United Fruit Company, Edward Bernays damit, das öffentliche Ansehen des Konzerns in den Vereinigten Staaten zu verbessern. Ab 1945 verlagerte sich Bernays’ Tätigkeit jedoch zunehmend auf eine gezielte Kampagne gegen die Regierungen von Juan José Arévalo und Jacobo Árbenz – den ersten beiden demokratisch gewählten Präsidenten Guatemalas.
Im Zentrum dieser Kampagne stand der Widerstand gegen die von beiden Regierungen geplanten sozialen und demokratischen Reformen. Besonders Árbenz’ Vorhaben, ungenutztes Land gegen Entschädigung zu enteignen und an landlose Bauern zu verteilen, geriet ins Visier. Da United Fruit der größte private Landbesitzer des Landes war, sah das Unternehmen seine wirtschaftlichen Interessen unmittelbar bedroht.
Bernays setzte dabei auf Methoden psychologischer Einflussnahme, die darauf abzielten, die guatemaltekische Regierung international zu delegitimieren. Er gewann Arthur Hays Sulzberger, den Herausgeber der New York Times, dafür, Journalist:innen auf Kosten von United Fruit nach Guatemala reisen zu lassen. Vor Ort wurden diese gezielt mit irreführenden Informationen konfrontiert, die den Eindruck erwecken sollten, die Regierung bestehe aus marxistischen Kräften, die Guatemala in einen sowjetischen Brückenkopf auf dem amerikanischen Kontinent verwandeln wollten.
Diese Darstellung fiel im politischen Klima des Kalten Krieges – insbesondere während der McCarthy-Ära – auf große Resonanz. In der Folge griffen weitere US-Medien das Narrativ einer drohenden kommunistischen Unterwanderung auf. Schrittweise wuchs sowohl in der amerikanischen Öffentlichkeit als auch innerhalb der US-Regierung die Akzeptanz für ein militärisches Eingreifen.
1954 kam es schließlich, unter Mitwirkung der CIA, zum Sturz von Präsident Árbenz durch guatemaltekische Truppen. An seine Stelle trat eine Militärregierung unter Oberst Carlos Castillo Armas, womit eine Phase autoritärer Herrschaft begann.
Der peruanische Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa greift diese Ereignisse in seinem 2020 auf Deutsch erschienenen Tatsachenroman Harte Jahre auf. Darin vertritt er die Einschätzung, dass im 20. Jahrhundert kaum zwei Personen das Schicksal Guatemalas – und in weiterer Folge ganz Mittelamerikas – stärker geprägt hätten als Edward L. Bernays und Sam Zemurray.
3. Propaganda als permanenter Zustand
Bernays war kein Zyniker im klassischen Sinne. Er glaubte tatsächlich, dass moderne Massengesellschaften ohne gezielte Meinungslenkung im Chaos enden würden. Propaganda war für ihn kein Ausnahmezustand des Krieges, sondern ein Dauerinstrument der Ordnung.
Damit normalisierte er etwas, das zuvor als moralisch fragwürdig galt. Seine Arbeit trug entscheidend dazu bei, dass Manipulation sprachlich entschärft wurde:
Propaganda wurde zu „Public Relations“
Einflussnahme zu „Kommunikation“
Steuerung zu „Information“
4. Die unsichtbare Hand der Meinungsmacher
Besonders perfide – und wirksam – war Bernays’ Strategie der indirekten Beeinflussung. Er wusste: Offene Überzeugungsarbeit erzeugt Widerstand. Deshalb arbeitete er mit:
scheinbar unabhängigen Experten
Wissenschaftler
Ärztlichen Empfehlungen
Bürgerinitiativen
Medienereignissen mit „Nachrichtenwert“
Heute würden wir dies als Third-Party-Endorsement oder Astroturfing bezeichnen. Die Quelle der Botschaft wurde verschleiert, um Vertrauen zu erzeugen. Die Öffentlichkeit sollte glauben, sie bilde sich ihre Meinung selbst – während die Deutungsrahmen längst gesetzt waren.
Hier als Beispiel die Barnays Strategie übertragen auf Corona-Narrativ:
Ganz im Sinne Bernays´ Strategie traten während der Corona Drittinstanzen in den Vordergrund:
· ausgewählte Virologen und Epidemiologen
· Expertengremien mit institutioneller Nähe zur Politik
· ärztliche Statements in stark vereinfachter Medienform
· wissenschaftliche Modelle ohne transparente Unsicherheitskommunikation
Die Botschaft lautete implizit: „Die Wissenschaft sagt…“
Damit wurde ein pluraler wissenschaftlicher Diskurs kommunikativ auf eine dominante Lesart verengt. Bernays hätte dies als klassischen Fall von Third-Party-Endorsement erkannt: Autorität wirkt stärker, wenn sie nicht als Macht erscheint.
Die Verschmelzung von Information und Norm
Ein zentrales Merkmal des Corona-Narrativs war die Vermischung von deskriptiven Aussagen („Was ist?“) mit normativen Forderungen („Was muss getan werden?“).
Wer Maßnahmen infrage stellte, stellte nicht nur politische Entscheidungen zur Diskussion, sondern wurde kommunikativ oft so gerahmt, als stelle er:
· Wissenschaftlichkeit
· Solidarität
· Moral
· Verantwortung
insgesamt infrage.
Hier zeigt sich eine klassische Bernays-Technik:
Abweichende Meinungen werden nicht argumentativ widerlegt, sondern moralisch delegitimiert.
So entsteht Konformität nicht durch Überzeugung, sondern durch sozialen Druck.
Medienereignisse statt Diskurs
Die Pandemiekommunikation war stark ereignisgetrieben:
· tägliche Fallzahlen
· Inzidenz-Ticker
· Pressekonferenzen als ritualisierte Dramaturgie
· visuelle Symbole (Masken, Kurven, Warnfarben)
Diese Form erzeugte permanente Alarmbereitschaft – ein Zustand, in dem kritische Distanz physiologisch schwerfällt. Bernays wusste: Angst ist kein Argument, aber ein hochwirksamer Steuerungsfaktor.
Das bedeutet nicht, dass Gefahr erfunden wurde – wohl aber, dass Angst kommunikativ funktionalisiert wurde, um Handlungsbereitschaft sicherzustellen.
Astroturfing im erweiterten Sinn
Im klassischen Sinne bedeutet Astroturfing künstlich erzeugte Graswurzelbewegungen. Übertragen auf Corona zeigte sich folgende Form davon:
· scheinbar spontane Solidaritätskampagnen
· moralisch aufgeladene Slogans
· binäre Zuschreibungen („verantwortungsvoll“ vs. „unsolidarisch“)
Diese Dynamiken wirkten wie gesellschaftlicher Konsens, obwohl sie stark kommunikativ vorstrukturiert waren. Die Grenze zwischen gesellschaftlicher Zustimmung und gesteuerter Akzeptanz wurde unscharf.
Das zentrale Bernays-Paradox
Die Öffentlichkeit sollte den Eindruck gewinnen, sie handle aus eigener Einsicht:
· „Ich halte mich daran, weil es richtig ist.“
· „Ich denke selbst.“
Gleichzeitig waren die Deutungsrahmen bereits gesetzt:
· welche Fragen legitim sind
· welche Experten gehört werden
· welche Unsicherheiten ausgeblendet bleiben
Genau hierin liegt der bernayssche Kern:
Die wirksamste Manipulation ist jene, die nicht als solche erlebt wird.
5. Machtinstrument als Erbe
Edward Bernays hinterließ kein neutrales Werkzeug, sondern ein Machtinstrument. Seine Methoden finden sich heute in:
· politischem Campaigning
· Social-Media-Algorithmen
· Markenidentitäten
· Krisenkommunikation
· geopolitischer Narrative
Sein größter Triumph waren nicht seine Kampagnen, sondern die Etablierung eines Paradigmas:
Die öffentliche Meinung ist formbar – und sollte professionell geformt werden. Gerade deshalb ist mediale Aufklärung heute keine akademische Übung, sondern eine Notwendigkeit.
Wer Bernays versteht, erkennt schneller:
emotionale Trigger
künstliche Empörungswellen
moralisches Framing
vermeintliche „Mehrheitsmeinungen“
Edward Bernays hat die Spielregeln moderner Kommunikation geschrieben.
Die Frage unserer Zeit ist nicht, ob wir beeinflusst werden –
sondern wie bewusst wir damit umgehen und ob wir uns dessen überhaupt bewusst sind.
ExNatura interessiert dabei nicht der moralische Zeigefinger, sondern die Wirkung: Was passiert in dir, wenn ein Trigger gesetzt wird? Was passiert, wenn Angst, Empörung oder Zugehörigkeit deine Wahrnehmung übernimmt? Dann verlässt du den Ursprung in dir – und lebst in fremden Rahmen. Dann bist du nicht „Opfer von Propaganda“, sondern Rohstoff für sie.
Wenn du dich innerlich nicht ausrichten kannst, wirst du ausgerichtet.
Und jetzt kommt der Punkt, an dem es unbequem wird: Der Ausweg ist nicht, „die Richtigen“ zu finden oder die „besseren Informationen“ zu sammeln. Das ist nur ein Austausch der Leine. Der Ausweg ist, wieder ursächlich zu werden: Ursprung → Ordnung → Wirkung. Erst Ordnung im Inneren, dann Urteil, dann Handlung. Nicht umgekehrt. Wenn du das nicht kannst, ist dein Kopf ein offenes System – und Bernays’ Erbe arbeitet in dir weiter, auch ohne Bernays.
Fazit:
Edward Bernays ist der Architekt deines geistigen Käfigs. Seine Methoden sind die Werkzeuge, mit denen dein wahres Wesen in eine künstliche Rolle gepresst wird. Wer glaubt, selbstbestimmt zu handeln, während er nur auf professionell gesetzte Reize reagiert, ist bereits Teil einer fremdgesteuerten Masse. Diese Architektur der Zustimmung dient allein dem Erhalt einer fiktiven Ordnung, die das wahrhaft Lebendige unterdrückt. Erkenne die Täuschung, bevor du vollständig in der Identität aufgehst, die man für dich entworfen hat. Wer sich manipulieren lässt, gibt seine Souveränität an der Garderobe der Bequemlichkeit ab und wird zum bloßen Objekt in einem fremden Spiel. Wach auf oder bleib eine steuerbare Komponente in einem System aus Lügen.
5 verstörende Lektionen von Edward Bernays, dem Mann, der Ihre Meinung erfand
Einleitung
Haben Sie sich jemals gefragt, wie bestimmte Ideen zum Mainstream werden oder warum eine Gesellschaft plötzlich ihre Meinung über lange bestehende Tabus ändert? Woher kommen die Überzeugungen, die wir für unsere eigenen halten? Die Antwort führt oft zu einem Mann, dessen Name kaum bekannt ist, dessen Einfluss aber allgegenwärtig ist: Edward Bernays. Als Neffe von Sigmund Freud und „Vater der Public Relations“ war er der Architekt der modernen Meinungsbildung. Seine Methoden, die er vor einem Jahrhundert entwickelte, sind heute relevanter denn je. Dieser Artikel enthüllt fünf seiner wirkungsvollsten und überraschendsten Strategien, die unsere Welt bis heute prägen – von unseren Konsumgewohnheiten bis hin zu politischen Landschaften.
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Die 5 Lektionen
1. Demokratie braucht eine „unsichtbare Regierung“
Bernays’ grundlegende Überzeugung war kontraintuitiv und radikal: Er glaubte, dass die Massen von irrationalen, unbewussten Impulsen getrieben und zu einer weisen Selbstverwaltung unfähig seien. Für ihn war die klassische aufklärerische Annahme, dass Menschen durch Information zu vernünftigen Entscheidungen gelangen, schlichtweg naiv. Seine Absicht formulierte er mit unverhohlener Deutlichkeit:
„Wenn wir den Mechanismus und die Motive des Gruppendenkens verstehen, wird es möglich sein, die Massen, ohne deren Wissen, nach unserem Willen zu kontrollieren und zu steuern.“
Er sah seine Arbeit daher nicht als Manipulation, sondern als „Engineering Consent“ (die Architektur der Zustimmung) – ein notwendiger Prozess, bei dem eine informierte Elite die Gesellschaft lenkt, um Chaos zu verhindern. In seinem Buch Propaganda von 1928 formulierte er diese Vision mit schockierender Klarheit:
„Die bewusste und intelligente Manipulation der organisierten Gewohnheiten und Meinungen der Massen ist ein wichtiges Element der demokratischen Gesellschaft. Diejenigen, die diesen unsichtbaren Mechanismus der Gesellschaft manipulieren, bilden eine unsichtbare Regierung, die die wahre herrschende Macht unseres Landes ist.“
Diese Idee steht in fundamentalem Widerspruch zu den traditionellen Idealen einer mündigen und autonomen Bürgerschaft in einer Demokratie.
2. Verkaufe kein Produkt, verkaufe eine Idee:
Die „Fackeln der Freiheit“
Der American Tobacco Company stand vor einem Problem: Rauchen war für Frauen ein gesellschaftliches Tabu, was einen riesigen Markt unzugänglich machte. Man beauftragte Bernays, dies zu ändern.
Seine Strategie war brillant und rein psychologisch. Anstatt das Produkt zu bewerben, konsultierte er Abraham Brill, einen prominenten Psychoanalytiker aus Freuds Schule. Brill lieferte die entscheidende Deutung: Die Zigarette sei ein Symbol männlicher Macht. Der unbewusste Wunsch von Frauen zu rauchen, könne daher mit dem Konzept des „Penisneids“ verknüpft werden. Bernays fragte nicht: „Was ist das Produkt?“, sondern: „Wofür steht es im Unterbewusstsein?“
Der Höhepunkt seiner Kampagne war ein inszeniertes Medienereignis während der New Yorker Osterparade 1929. Er engagierte eine Gruppe von Frauen, die öffentlichkeitswirksam als Suffragetten auftraten, und ließ sie vor den Augen der Presse demonstrativ Zigaretten anzünden. Diese nannten sie ihre „Fackeln der Freiheit“.
Diese Kampagne verschob erfolgreich kulturelle Normen, indem sie ein kommerzielles Produkt mit dem tief verwurzelten individuellen Wunsch nach Freiheit verband. Dieses Prinzip – die emotionale Aufladung von Produkten und Ideen – bleibt bis heute das Herzstück moderner Werbung und politischen Framings.
3. PR als Waffe:
Wie man eine Regierung
für ein Unternehmen stürzt
Bernays' Arbeit reichte weit über die Werbung hinaus bis in die Geopolitik. Ein erschreckendes Beispiel ist seine Tätigkeit für die United Fruit Company in Guatemala in den 1940er und 50er Jahren.
Die demokratisch gewählte Regierung von Jacobo Árbenz plante Landreformen, die die Interessen von United Fruit, dem größten Landbesitzer des Landes, massiv bedrohten. Bernays erhielt den Auftrag, die öffentliche Meinung in den USA gegen die guatemaltekische Regierung zu wenden.
Er orchestrierte eine Kampagne der psychologischen Kriegsführung. Sein entscheidender Schachzug: Er überzeugte Arthur Hays Sulzberger, den Herausgeber der New York Times, Journalisten auf von United Fruit finanzierte Reisen nach Guatemala zu schicken. Dort wurde ihnen ein sorgfältig kuratiertes Narrativ präsentiert, das die Regierung als „kommunistische Bedrohung“ und „sowjetischen Brückenkopf“ auf dem amerikanischen Kontinent darstellte. Im Klima des Kalten Krieges und der McCarthy-Ära fiel diese Botschaft auf fruchtbaren Boden.
Das von Bernays geschaffene Narrativ erzeugte in den USA öffentliche und politische Unterstützung für einen von der CIA unterstützten Putsch im Jahr 1954. Árbenz wurde gestürzt und eine Militärdiktatur installiert. Der peruanische Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa schätzt in seinem Roman Harte Jahre ein, dass kaum jemand das Schicksal Guatemalas und Zentralamerikas im 20. Jahrhundert stärker geprägt habe als Edward L. Bernays und Sam Zemurray.
Bernays' Genie lag nicht nur in der Entwicklung solcher Techniken, sondern auch darin, sie für demokratische Gesellschaften sprachlich zu entschärfen. Er normalisierte Manipulation, indem er ihre Bezeichnungen systematisch aufweichte: „Propaganda“ wurde zu „Public Relations“, „Einflussnahme“ zu „Kommunikation“ und „Steuerung“ zu „Information“.
4. Die wirksamste Überzeugung ist unsichtbar
Bernays verstand, dass direkte, offene Überzeugungsarbeit Widerstand erzeugt. Seine wirksamste Strategie war daher die indirekte Beeinflussung durch scheinbar unabhängige, autoritative Drittparteien, um die Botschaften seiner Kunden zu verbreiten.
Ein Paradebeispiel ist die Kampagne zur Fluoridierung des Trinkwassers. Im Auftrag von Klienten wie der Aluminum Company of America (Alcoa) nutzte er zahnärztliche Fachorganisationen, um die Maßnahme als wissenschaftlichen und medizinischen Konsens darzustellen. So wurde ein industrielles Interesse erfolgreich als eine selbstverständliche Notwendigkeit für die öffentliche Gesundheit verankert.
Heute würden wir diese Methoden als „Third-Party Endorsement“ oder „Astroturfing“ bezeichnen. Der Schlüssel lag darin, die wahre Quelle der Botschaft zu verschleiern, um Vertrauen aufzubauen und die Öffentlichkeit im Glauben zu lassen, sie bilde sich ihre eigene Meinung auf der Grundlage von Expertenrat.
5. Bernays' Playbook heute: Von der Krise zur Konformität
Bernays' Methoden sind keine historischen Anekdoten, sondern ein lebendiges Handbuch für moderne Kommunikation, insbesondere in Krisenzeiten. Die Kommunikationsstrategien rund um die Corona-Pandemie lassen sich durch seine Brille analysieren:
Autorität durch Experten: Die Betonung ausgewählter Virologen und Expertengremien diente als klassisches „Third-Party Endorsement“. Die implizite Botschaft „Die Wissenschaft sagt…“ schuf eine einzige, autoritative Erzählung und verengte den Raum für einen pluralen Diskurs.
Moralische Rahmung: Widerspruch gegen Maßnahmen wurde oft nicht als legitime politische Debatte, sondern als moralisches Versagen (unwissenschaftlich, unsolidarisch) dargestellt. Diese Technik zielt darauf ab, abweichende Meinungen zu delegitimieren, anstatt sie argumentativ zu widerlegen.
Angst als Steuerungsinstrument: Die ereignisgetriebene Kommunikation mit täglichen Fallzahlen, Inzidenz-Tickern und Pressekonferenzen erzeugte einen Zustand permanenter Alarmbereitschaft. Bernays wusste, dass Angst ein hochwirksamer Faktor ist, um Handlungsbereitschaft und Konformität sicherzustellen.
Hierin offenbart sich das zentrale Paradoxon seiner Arbeit, das seinen Kern perfekt zusammenfasst:
DIE WIRKSAMSTE MANIPULATION IST JENE, DIE NICHT ALS SOLCHE ERLEBT WIRD.
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Schlussfolgerung
Edward Bernays etablierte ein Paradigma, in dem die öffentliche Meinung als etwas angesehen wird, das professionell gesteuert werden muss. Sein größter Triumph waren nicht seine Kampagnen, sondern die Etablierung eines Paradigmas: Die öffentliche Meinung ist formbar – und sollte professionell geformt werden. Seine Werkzeuge sind heute tief in unseren politischen, kommerziellen und sozialen Systemen verankert – von Wahlkämpfen über Social-Media-Algorithmen bis hin zur Krisenkommunikation. Wer seine Methoden versteht, erkennt die Mechanismen der Beeinflussung schneller und klarer.
Die Frage unserer Zeit ist nicht, ob wir beeinflusst werden – sondern wie bewusst wir damit umgehen und ob wir uns dessen überhaupt bewusst sind.















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